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Das Rotkehlchen und andere „Schlauberger unter den Vögeln“

02-12-2010 - Ein Bericht von Priv.-Doz. Dr. Martin Kraft, Marburg (Deutschland)

Kaum ein Vogel ist so bekannt wie das nur knapp sperlingsgroße Rotkehlchen. Dabei hat es eigentlich gar keine rote Kehle, sondern eher eine braunorange gefärbte Kehle und vordere Brust. Neuerdings ordnet man das Rotkehlchen Erithacus rubecula in die Familie der Schnäpperverwandten Muscicapidae, in der auch Grau- und Trauerschnäpper, Nachtigall, Blau-, Braun- und Schwarzkehlchen zu finden sind. Rotkehlchen muten mit ihren großen dunklen Augen sehr friedfertig an, aber das sind sie ganz und gar nicht, denn die orange gefärbte Kehle und Brust sind vor allem bei der Balz und der Verteidigung der Reviere sehr wichtig. Mit ihrem lieblichen und etwas klingelnden Gesang fallen Rotkehlchen überall dort auf, wo es Bäume und Sträucher gibt: Mischwald, feuchter Auwald, Waldränder, Hecken, Feldgehölze, Parks, Friedhöfe und Gärten aller Art inmitten und am Rand von Ortschaften.

Jetzt im Winter sieht man fast nur noch Männchen, da die Weibchen als Kurzstreckenzieher zu großen Teilen nach Südeuropa, manche sogar bis nach Nordafrika, fliegen. Dabei ziehen Rotkehlchen überwiegend nachts, bevorzugt in milden und feuchten Nächten. Manchmal sieht man sie aber auch im so genannten „Schleichzug“ in der Morgendämmerung noch fliegen. Vor dem Menschen haben Rotkehlchen überhaupt keine Scheu, und manchmal sitzen sie sogar auf dem Spaten, wenn wir bei der Gartenarbeit sind – immer auf der Suche nach kleinen Würmern und Insekten. Selbst mitten im Winter lassen Rotkehlchen ihren Gesang ertönen, mit dem sie ihre Winterterritorien gegen Artgenossen abgrenzen. Kommt ein Nachbar jedoch zu nahe, dann wird die „rote Kehle“ präsentiert, noch heftiger gesungen und schließlich gekämpft, manchmal so heftig, dass die Federn fliegen. In der Regel kommt es aber nicht zu größeren Verletzungen der Nebenbuhler.

An unseren Futterstellen tauchen Rotkehlchen regelmäßig auf, wobei sie meistens am Boden Haferflocken, getrocknete Beeren und ausgelegtes Weichfutter verzehren. Dabei lassen sie sich manchmal selbst von den größeren Amseln nicht vertreiben. Wenig bekannt ist die Tatsache, dass auch weibliche Rotkehlchen singen, was bei Singvögeln nur selten vorkommt. Auch machen Rotkehlchen regelmäßig kleine Gewölle, das heißt, dass unverdauliche Nahrungsreste in Form eines kleinen Ballens hoch gewürgt werden, vergleichbar mit den Würgern, Eulen und Greifvögeln.

Sicherlich zählen Rotkehlchen zu unseren intelligentesten Vögeln, aber sie werden von den Rabenvögeln deutlich übertroffen. Unsere Rabenvögel haben inzwischen längst gelernt, dass es sich in den Dörfern und Städten viel leichter leben lässt als in der offenen Kulturlandschaft oder im Wald. So finden sich überall in den Städten Rabenkrähen, Dohlen, Elstern und Eichelhäher. Das Klima ist hier wesentlich angenehmer, überall findet sich Nahrung und man ist vor Feinden wesentlich besser geschützt. Auch dürfen Rabenvögel innerhalb von Ortschaften nicht geschossen werden. So findet man die Vögel an den Komposthaufen ebenso wie an Mülleimern oder in der Nähe von Fastfood-Restaurants oder Biergärten, denn hier fällt immer etwas ab. Manchmal ernten Rabenkrähen viele Walnüsse und fliegen mit diesen immer an den Straßen entlang und lassen sie fallen, damit die harte Schale platzt. Im Winter ist kein Meisenknödel vor ihnen sicher und oft fliegen sie mit samt dem Knödel davon. Deshalb ist es sinnvoll, die Meisenknödel in spezielle Behältnisse, wie sie auch von „VIVARA“ angeboten werden, zu stecken. Unsere Rabenvögel lernen rasch jedwede Nahrungsquelle zu nutzen und mit Sicherheit sind sie die größten „Schlauberger“ unter den Vögeln. Allen voran der Kolkrabe, der manchmal richtig „lustig“ sein kann, wenn er spielerisch am Schwanz rastender Seeadler oder Ringelgänse zieht – und manchmal habe ich bei meinen ornithologischen Streifzügen den Eindruck, dass sich einzelne Kolkraben mit mir unterhalten, wenn man ihnen zu nahe kommt!



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