Der Steinkauz oder die „Äpplereule“ wieder auf dem Vormarsch?
10-02-2011 - Ein Bericht von Priv.-Doz. Dr. habil. Martin Kraft, Marburg (Deutschland)
Ende der 1950er, Anfang der 1960er-Jahre war der kleine Steinkauz, der im hessischen Volksmund auch liebevoll „Äpplereule“ genannt wird, in Mitteleuropa weit verbreitet und häufig. Der Jahrhundertwinter 1962/63 raffte jedoch einen Großteil des Bestandes dahin, denn Steinkäuze lieben die Wärme und sind sehr standorttreu, die auch im Winter ihr Territorium verteidigen. Wenn hohe Schneelagen und eisige Kälte herrschen, dann gibt es für den fleißigen Jäger, der sich wesentlich von kleinen Insekten, Amphibien, Reptilien, Mäusen und sogar von Regenwürmern ernährt, kaum noch etwas zu fressen. Hinzu kommt der enorme Lebensraumverlust, den die kleinen Eulen in den letzten Jahrzehnten hinnehmen mussten.
Als Höhlenbrüter ist der Steinkauz auf recht offenes Gelände mit eingestreuten Felsen und alten Bäumen angewiesen. Während er im Mittelmeerraum in alten Olivenbäumen, Gemäuern, Gebäuden und in Felsnischen brütet, bevorzugt er in Mitteleuropa vor allem Kopfweiden und alte Obstbäume. Seine Vorliebe für alte Apfelbäume brachte ihm den Volksnamen „Äpplereule“ ein. Der wissenschaftliche Name Athene noctua leitet sich jedoch aus dem Griechischen ab, weil der Steinkauz bei den alten Griechen als Sinnbild der Göttin „Athene“ galt und außerdem als Vogel der Weisheit verehrt wurde. Dennoch wurden Steinkäuze vor allem im Mittelalter wegen ihrer unheimlichen Rufe sowie ihrer Vorliebe für Friedhöfe und enge, einsame Häuserzeilen erbittert verfolgt, weil man sie als „Todesvögel“ verspottete. Diese völlige Fehleinschätzung hat jedoch glücklicherweise heute keine Gültigkeit mehr, sodass der Steinkauz in den letzten Jahrzehnten wieder zunehmend beliebt wurde.
Den teilweise großen Lebensraumverlust glichen aktive Natur- und Vogelschützer aus, in dem sie an geeigneten Stellen spezielle und vor Mardern sichere Brutröhren anbrachten. Diese Steinkauzröhren werden von dem kleinen Kobold gerne angenommen, doch ist es wichtig, dass man die Nähe zum Wald meidet, weil Steinkäuze nicht selten zum Opfer des größeren Waldkauzes werden. Bereits im Februar/März beginnt die Balz, wenn das Männchen seine langen und recht tiefen „guuuuk“-Rufe hören lässt. Nicht selten hört man ein an Katzen erinnerndes „kwiau“, was durchaus Furcht hervorruft, wenn man an einsamen Stellen als Mensch überrascht wird. Steinkäuze sind manchmal auch am helllichten Tage aktiv, doch bevorzugen sie meist die Dämmerung. In lauen Frühlingsnächten kann man in Gebieten mit vielen Kopfweiden oder alten Obstbäumen gleich mehrere Paare bei der Balz beobachten.
Das Nisten in den Brutröhren macht es für die Wissenschaft möglich, die Brutbiologie des Steinkauzes genauer zu untersuchen. Mit nur 21 bis 23 cm Körperlänge gehört er zu unseren kleinsten Eulen. Männchen und Weibchen sind etwa gleich groß und wiegen zwischen 160 und 250 g, doch brütet nur das Weibchen. In der Regel werden die ersten Eier Mitte April gelegt, doch gibt es auch Nachgelege bis etwa Mitte/Ende Juni. Das Weibchen legt die 3 bis 5 (seltener bis zu 7) Eier etwa alle 2 Tage. Das Brüten beginnt zumeist ab dem letzten Ei, sodass die Jungen nach 24 – 28 Tagen Brutzeit etwa alle gleichzeitig innerhalb von 1 bis 2 Tagen schlüpfen. Beide Eltern füttern die Jungen, die nach ca. 30 – 35 Tagen ihre Bruthöhle verlassen, manchmal aber auch schon vor der vollen Flugfähigkeit. Zur Erlangung der Flugfähigkeit benötigen sie dann noch etwa eine Woche, aber die Eltern füttern ihren Nachwuchs noch mindestens 5 Wochen nach dem Ausfliegen. Leider ist die Sterblichkeitsrate bei Jungvögeln im ersten Jahr sehr groß, sodass etwa 2/3 der Brut umkommen kann. Steinkäuze können 15 – 16 Jahre, manchmal aber noch älter werden.
Der Steinkauz hat von den intensiven Bemühungen des Eulenschutzes in Mitteleuropa sehr stark profitiert, sodass er in manchen Gegenden wieder zunimmt, doch ist er vielerorts noch stark im Bestand gefährdet. Da sich die Jungvögel nicht viel weiter als 10 km vom Geburtsort entfernt ansiedeln, hat der Steinkauz nur eine geringe Ausbreitungsrate, was bedeutet, dass erst einmal verwaiste Gebiete nur sehr langsam wieder besiedelt werden können. Die Pflege alter Obstbäume und Kopfweiden ist ein wichtiger Faktor, um diese wichtigen Lebensräume für den Steinkauz zu erhalten und zu fördern. Wenn wir alle der Vorliebe der Hessen für Apfelwein folgen, dann können wir indirekt wieder mehr Lebensraum für diese hübsche kleine Eule schaffen!
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