Wann stehen Vögel auf, wann gehen sie schlafen?
24-02-2011 - Ein Bericht von Prof. Dr. Berthold, Ornithologe und Verhaltensforscher!
Das Sprichwort – mit den Hühnern aus den Federn und mit ihnen auch wieder zu Bett – heißt bekanntlich: früh aufstehen und zeitig schlafen gehen. Gilt das für Vögel generell? Zunächst ist festzuhalten, dass abgesehen von nacht- und dämmerungsaktiven Eulen, Schwalmen, Kiwis und einigen anderen Gruppen die meisten Vögel zumindest außerhalb der Zugzeiten tagaktiv sind, so wie normalerweise auch wir. Richtgrößen für Vögel sind dabei nicht Sonnenauf- und untergang, sondern die bürgerliche Dämmerung (das sogenannte „Büchsenlicht“, das Jägern erste bzw. letzte Schüsse erlaubt).
Gute Vogelbeobachter wissen, dass Vögel im Jahresverlauf mit ihrem Aktivitätsbeginn und –ende nicht starr an der Dämmerung hängen, sondern charakteristische Verschiebungen erkennen lassen. Im Winter etwa stehen viele Arten relativ spät auf und kommen z. B. erst an Futterhäuser, wenn es schon recht hell ist. Ab dem Frühjahr – wenn für Vögel die Zeit der Haupt-„Arbeit“ beginnt mit Reviergründung und –verteidigung, Partnersuche und Jungenaufzucht – werden viele Arten deutlich früher aktiv. Vogelfreunden ist bekannt, dass dann z. B. Amseln oder Hausrotschwänze schon zu singen beginnen, wenn es noch dunkel ist, oder dass man z. B. Goldammern, Rotkehlchen u. a. schon im Scheinwerferlicht von Autos umherhuschen sieht, bevor die Dämmerung anbricht.
Diese jahreszeitlichen Aktivitätsunterschiede werden – wie auch bei uns – von einer inneren biologischen Uhr gesteuert und lassen sich auch bei Versuchsvögeln in konstanten Bedingungen erkennen. Hält man Vögel in Räumen mit konstantem 12 Stunden Licht- und 12 Stunden Dunkelwechsel pro Tag, beginnen sie im Winter mit „Licht an“ zu hüpfen, ab dem Frühjahr schon deutlich vor „Licht an“ – sie antizipieren dann den kommenden Tag. Dabei sind die Männchen vielfach ausgeprägtere Frühaufsteher als die Weibchen – ein Effekt des in den heranwachsenden Hoden produzierten Testosterons.
Da sich Vögel nicht mit künstlicher Beleuchtung beliebige Tageslängen einrichten können, schwankt ihre tägliche Aktivitätsdauer in hohen geographischen Breiten sehr stark. So füttern viele Vögel nördlich vom Polarkreis ihre Jungen um Mittsommer etwa 20 Stunden lang (wenn auch in größeren Abständen als in Mitteleuropa), während Polarbirkenzeisigen u. a. dort im Mittwinter nur etwa 4 Stunden zur Futtersuche verbleiben. Dabei verbringen Vögel im Winter allgemein längere Zeit im Ruhestoffwechsel bei z. T. reduzierter Körpertemperatur, was viel Energie sparen hilft.
Kürzlich geisterte folgendes durch die populärwissenschaftliche Presse: Je ein Wissenschaftlerteam in Mittel- und in Nordeuropa hatte entdeckt, dass in Städten gut genährte Vögel (etwa Futterstellenbesucher) relativ spät aufstehen und dabei u. U. die Männchen Gefahr laufen sollen, dass ihre Weibchen fremdgehen. Beides kein Grund zur Aufregung – im Gegenteil. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass wohlgenährte Vögel weniger aktiv sind, hungrige hingegen oftmals hyperaktiv. Ihre ausgeprägte Aktivität erhielt sogar eine spezielle Bezeichnung: Hungerunruhe (die übrigens auch bei Menschen infolge von extremen Diäten auftritt). Und was das Fremdgehen anbelangt: bei sehr vielen Vogelarten nicht die Ausnahme, sondern die Regel, gleichgültig, ob die Männchen früher oder später aufstehen. Selbst Kleiber, die Dauerehen führen, brüten in der Regel Gelege aus, deren Eier von 2-3 Männchen befruchtet wurden. Bei kurzlebigen, oft nur in einer Saison brütenden Kleinvögeln garantiert Erbgut-Kombination von mehreren Partnern, dass aus jedem Gelege vollwertige überlebensfähige Junge hervorgehen, die in der Lage sind, elterliches Erbgut weiterzugeben.
Abschließend noch ein paar Worte zum Einfluss von Kunstlicht im Hinblick auf Tagesdauerverlängerung. Betrachtet man Nachtaufnahmen der Erde, die von Satelliten aus aufgenommen wurden, erkennt man viele helle Flecken: die Lichtemissionen von Städten, v. a. Großstädten. Vögel, die in diesen Kunstlichtbereichen mit bis zu 24 Stunden Helligkeit pro Tag leben, verlängern z. T. ihre Tagaktivität. Bisweilen sieht man z. B. Rotschwänze u. a. frühmorgens und spätabends an Laternen Insekten jagen, lange vor bzw. nachdem die bürgerliche Dämmerung auftrat. Viele Stadtvögel singen und brüten auch früher als auf dem Lande, zum Teil um Wochen. Auch das ist ein Kunstlichteffekt: Die relativ langen Tage lassen die Geschlechtsorgane früher reifen (was sich die moderne Hühnerhaltung in ihren Langtag-„Legebatterien“ zu Nutze macht). Vogelhalter kennen derartige Lichteffekte seit Jahrhunderten. Fing man früher z. B. Buchfinken im Herbst und hielt sie im Wohnzimmer, in dem Kerzen die kurzen Wintertage verlängerten, sangen diese „Lichtvögel“ bereits um Weihnachten. Dass dennoch selbst in hell erleuchteten Städten nur relativ wenige Vögel ihren Tag deutlich verlängern oder auch viel früher brüten, hat einen einfachen Grund: Wenn möglich, lässt ihre innere Uhr sie rechtzeitig Schlafplätze aufsuchen, an denen sie nur wenig Licht ausgesetzt sind und somit ihren normalen Tagesgang leben können. Damit unterscheiden sie sich von vielen unserer Zeitgenossen, die im Dauerlicht von Bars, Spielhöllen usw. häufig zu „Nachteulen“ werden und dadurch den Tagesanforderungen oftmals nicht mehr gewachsen sind. Da hilft dann nur: wieder mit den Hühnern aufstehen und schlafen gehen!
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