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Ameisen sind sein Leben - der Grünspecht

12-09-2011 - Ein Bericht von Priv. – Doz. Dr. Martin Kraft, Marburg (Deutschland)

In den 1980er Jahren stand es schlecht um den Grünspecht Picus viridis, denn seine Bestände hatten in Mitteleuropa geradezu drastisch abgenommen. Die Ursachen waren gar nicht leicht zu ergründen, denn an seinen typischen Lebensräumen hatte sich nicht viel verändert. Möglicherweise lag es aber an dem Verschwinden der Rasenameisen und dem Schutz der Waldameisen, denn letztere wurden teilweise mit viel zu engmaschigem Draht abgedeckt, damit die Grünspechte nicht mehr an ihre Lieblingsnahrung Ameisen und deren Larven und Puppen herankamen.

Zur selben Zeit nahm übrigens sein Vetter der etwas kleinere Grauspecht Picus canus, bei dem nur das Männchen etwas Rot auf der Stirn zeigt, deutlich zu. Während der Grauspecht auch oft in lichten Wäldern mit vielen alten Eichen und Buchen heimisch ist, bevorzugt der Grünspecht eher die offene Kulturlandschaft mit vielen Streuobstwiesen und Feldgehölzen. In den Ortschaften kommt er sogar als Brutvogel in baumreichen Gärten sowie in großen Parks und auf Friedhöfen vor. Überschneiden sich die Brutgebiete des Grünspechts, der wegen der roten Kappe, die beide Geschlechter tragen, auch durchaus „Rotkappenspecht“ heißen könnte, indes mit dem am Kopf wesentlich graueren Grauspecht, so ist der Grünspecht diesem zumeist in der Regel als direkter Nahrungskonkurrent überlegen. Der Grauspecht ist ein fleißiger Trommler, der selbst Wellblechdächer und Laternenpfähle zum Trommeln nutzt, während der Grünspecht nur selten trommelt. Er erscheint auch nur selten an Futterhäusern und Meisenknödeln, der Grauspecht hingegen ziemlich oft.

Glücklicherweise hat der Grünspecht in den letzten Jahrzehnten wieder deutlich zugenommen und scheint im Bestand stabil zu sein. Wichtig für seinen Fortbestand ist jedoch die Tatsache, dass die sauberen Mitteleuropäer nicht ständig beim Rasenmähen auch die kleinen Hügel der Rasenameisennester zerstören. Kurzrasige Flächen sind zwar gut für den Grünspecht, aber es müssen auch die für ihn lebenswichtigen Ameisennester vorhanden sein. Manchmal verzehren Grünspechte auch andere Insekten, Würmer und Schnecken, ja selbst Obst meiden sie nicht. Bei ihren Beutezügen hüpfen sie geschickt am Boden und wenn sie ein Ameisennest entdeckt haben, dann können sie sich regelrecht dort hineingraben, um mit ihrer gut 10 cm langen, klebrigen Zunge die vielen Ameisen regelrecht aufzulöffeln. Die löffelartige Spitze der langen Zunge ist zudem noch mit Widerhaken besetzt, an denen vorwiegend Larven der Ameisen hängen bleiben.

Im Winter können sich Grünspechte bis durch teilweise 40 cm hohen Schnee einen Weg zu den Ameisennestern bahnen. Deshalb ist er auch aus Nahrungsgründen nicht auf den Zug in südlichere Gefilde angewiesen. In sehr strengen und schneereichen Wintern zehren aber auch die Bestände des Grünspechts aus. Mit entsprechendem Weichfutter, welches man eher in Schüsseln am Gartenboden anbieten sollte, kann man aber auch den Grünspecht etwas anlocken.

Neigt sich der Winter allmählich dem Ende zu, dann kann man den lachenden wie „klü-klü-klü-klü-klü-klü“ klingen Balzgesang der Männchen überall hören. Die ersten Eier werden manchmal schon Ende März,Anfang April in die selbst gezimmerten Höhlen gelegt. Grünspechte bevorzugen dabei alte und auch kranke oder tote Laubbäume, aber sie übernehmen auch schon vorhandene Höhlen anderer Spechtarten und bauen diese aus. In der Regel legt das Weibchen etwa 5 – 8 weiße Eier auf den Höhlenboden. Nach etwas mehr als zwei Wochen schlüpfen die Jungen, die 3 – 4 Wochen in der Höhle bleiben. Durch ihr matteres und geschupptes Gefieder sind sie leicht von den leuchtend grünen Eltern, bei denen der schön gelb gefärbte Bürzel im Flug besonders auffällt, gut zu unterscheiden. Die Familien können etwa 3 bis 6 Wochen nach dem Ausfliegen noch zusammenhalten. Vor allem im Mai erscheinen sie dann auch regelmäßig in unseren Gärten. Dort sollten möglichst viele alte Obstbäume stehen und Rasenameisen geduldet werden, denn dann hat man die Möglichkeit, den sehr attraktiven Grünspecht auch einmal aus der Nähe bei der Nahrungssuche oder dem Zimmern einer Bruthöhle zu beobachten.

Beim Schutz der Waldameisen sollte man auf weitmaschigen Draht zurückgreifen oder die Abdeckungen ganz weglassen. Hoffen wir, dass der positive Bestandstrend des Grünspechts weiter anhält und dass auch der Grauspecht wieder häufiger wird, denn auch er zeigte in den letzten Jahren deutliche Rückgänge. Wir Menschen können immer etwas im eigenen Garten tun, um den „Ameisenspechten“, wozu auch der sehr seltene Wendehals Jynx torquilla gehört, zu helfen. Es lohnt sich nämlich sehr, diese interessanten Vögel zu beobachten!



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