Allbekannt und intelligent – die Kohlmeise
19-12-2011 - Ein Bericht von Priv.-Dozent Dr. Martin Kraft, Marburg (Deutschland)
Neben Rotkehlchen, Amsel und Haussperling dürfte die Kohlmeise Parus major zu unseren bekanntesten Vögeln gehören, aber dennoch ist sie immer wieder für eine Überraschung gut. Auch in der Forschung ist sie ein sehr beliebtes Objekt, da man ihr Verhalten und ihre Brutbiologie leicht studieren kann, weil sie als Höhlenbrüter auch Nistkästen besetzt, die auch zur Brutzeit kontrolliert werden können. Ich selbst habe den größten Teil meiner Diplom- und Doktorarbeit sowie im Rahmen meiner Habilitation über die Kohlmeise geforscht.
Der etwa sperlingsgroße Vogel ist allbekannt, was vor allem auch daran liegt, dass Kohlmeisen wenig Scheu vor uns Menschen haben. Als „Speckmeise“ oder „Spitz-die-Schar“ kennt man sie, wenn sie im Winter an aufgehängtem Schweine- und Rinderfett hängt, um sich daran satt zu fressen. Der Name „Spitz-die-Schar“ leitet sich vom glockenhellen Gesang des Männchens ab, der ebenso oder wie „zi-zi-bä, zi-zi-bä“ klingt. Jedes Männchen verfügt aber über verschiedene Gesangesstrophen, wobei das „Teacher-teacher-teacher“ auch sehr häufig vorgetragen wird. Neben den arteigenen Gesangesvarianten sind Kohlmeisen wahre Nachahmungskünstler, was sie im Hinblick auf ihre Lautäußerungen zu den schwierigsten Vögeln macht. Selbst erfahrene Bio-Akustiker fallen nicht selten auf die exzellenten Imitationen der Kohlmeisen herein.
Die Männchen der Kohlmeise sind geringfügig größer und schwerer als die Weibchen, lebhafter schwarz-gelb gefärbt und zeigen auf Brust und Bauch einen breiten, schwarzen Längsstreifen, der sich bis zu den Afterfedern zieht. Die Weibchen haben nur einen schmalen schwarzen Längsstreifen auf der gelblichen Unterseite, welcher nicht bis zu den Unterschwanzdecken reicht. Diese gelb-schwarze Zeichnung hat während der Balz im zeitigen Frühjahr eine wichtige Bedeutung, denn mit der so genannten „Head-Up-Posture“ präsentieren die Männchen ihren breiten, schwarzen Längsstreifen, indem sie den Kopf heben, Brust und Bauch vorstrecken, damit die Färbung richtig zur Geltung kommt. Alte Männchen sind auch noch intensiver gefärbt als vorjährige, und sie haben einen höheren Rangordnungsindex.
In der Regel führen Kohlmeisen nur Saisonehen, wobei die Partnerfindung manchmal schon im Spätherbst stattfindet. Bereits um die Weihnachtszeit beginnen die ersten Kohlmeisenmännchen mit ihrem Balzgesang, der sich im Laufe des Januars und Februars deutlich verstärkt. Selbst wenn noch Schnee liegt und wir nicht an Frühling denken, verkünden die Kohlmeisen diesen mit ihrem schönen Gesang, den beinahe jeder kennt.
Kohlmeisen brüten an allen möglichen Stellen, weil sie als Höhlenbrüter sehr robust und nicht besonders wählerisch sind. Neben Naturhöhlen in alten Bäumen nisten sie nicht selten in Briefkästen, in Zeitungsständern, in Mauerlöchern, hinter Fensterläden, in allen möglichen Rohren, in alten Pumpen und in Laternenständern. Oft belegen sie von uns aufgehängte Nistkästen, die einen Einfluglochdurchmesser von 32 mm haben sollten. Manchmal werden die Bruthöhlen bereits im Herbst des Vorjahres ausgesucht, wobei diese dann zumeist als Schlafhöhle dienen. Im Durchschnitt legen Kohlmeisen etwa 6 bis 8 Eier, aber es gibt manchmal auch deutlich größere Gelege. Die Brutzeit beginnt im April und kann sich in günstigen Jahren bis Ende Juni ziehen. Ist genügend Nahrung vorhanden, dann können Kohlmeisen zwei Jahresbruten tätigen. Außerdem steigt die Siedlungsdichte, die Reviere werden kleiner und die Aggressionshandlungen nehmen ab. Bei Nahrungsknappheit kann es allerdings manchmal zu unschönen „Überfällen“ von Kohlmeisen kommen, wenn diese sich derart mit Reviernachbarn streiten, dass es manchmal tödliche Unfälle gibt. Meistens reichen aber Drohungen aus, um die männlichen Artgenossen auf Abstand zu halten.
An den winterlichen Futterstellen kann man Kohlmeisen sehr gut beobachten. Sie bevorzugen Meisenknödel oder Futterautomaten mit vielen Nüssen. Erdnüsse und Sonnenblumenkerne werden sehr geschätzt. Letztere werden geschickt an den Holzkanten der Futterhäuschen oder auf dünnen Ästen aufgehackt. Das passiert in wenigen Sekunden. Immer wieder schauen sie dabei nach links und rechts, damit sie nicht von jagenden Sperbern überrumpelt werden. Kohlmeisen sind sehr intelligent und lernfähig, wenn es um die Erschließung von Nahrungsquellen geht. Dabei können sie durchaus auch Plastikdeckel von Flaschen öffnen oder in Speisekammern eindringen, um an die Leckereien zu gelangen. An den Futterstellen erscheinen sie regelmäßig den ganzen Winter über, wobei man manchmal auch Auseinandersetzungen mit den kleineren Blaumeisen oder Finken beobachten kann.
Bei ganzjährigen Fütterungen sind Kohlmeisen ebenfalls regelmäßige Gäste, die mit dem Zusatzfutter auch ihre Jungen füttern und diese nach dem Ausfliegen im Familienverband an die Futterstellen heranführen. Ausgewogenes Futter mit Fetten, Eiweißen und Kohlehydraten kommt ihnen dabei zugute. Dabei lassen sie sich oft aus der Nähe beobachten und fotografieren. Ich persönlich freue mich immer, wenn ich im Januar dem Läuten der Kohlmeisen zuhören kann, denn dann ist der Frühling nicht mehr weit!
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