Schlauberger mit grauem Nacken und hellen Augen – die Dohle – Vogel des Jahres 2012
16-01-2012 - Ein Bericht von Priv.-Doz. Dr. Martin Kraft, Marburg (Deutschland)
Früher zählte man die Dohle zur Gattung Corvus, zu der auch Kolkrabe, Saat-, Raben- und Nebelkrähe gehören. Seit einiger Zeit lautet ihr wissenschaftlicher Name aber Coloeus monedula. Die Dohle gehört ohne jeden Zweifel zu den intelligentesten Vögeln überhaupt, leider mit Bestandszusammenbrüchen im Osten Europas, während sie in vielen Teilen Mitteleuropas, vor allem in Städten mit alten Gebäuden, eine häufige Erscheinung ist. Dennoch ist sie vom BirdLife Österreich, Naturschutzbund Deutschland (NABU) und Landesbund für Vogelschutz (LBV) in Bayern zum „Vogel des Jahres 2012“ ausgewählt worden, denn die geschilderten Bestandsrückgänge im östlichen Europa und teilweise auch die Rückgänge der in Wäldern brütenden Populationen, müssen all unsere Aufmerksamkeit auf den Schutz dieses agilen „Schlaubergers“ lenken.
Die etwa taubengroße und vorwiegend schwarze Dohle hat einen auffallend grauen bis hellgrauen Hinterkopf und Nacken. Ihre hellblauen bis weißlichen Augen verleihen ihr einen etwas grimmigen, aber auch frechen Gesichtsausdruck. Fast immer sieht man Dohlen in Schwärmen, die um unsere Kirchen und andere alte Gebäude sausen. Dabei lassen sie ständig ihre wie „kjack“ oder „kja“ klingenden Rufe hören. Oft äußern sie auch ein den Krähen ähnliches „kjärr“. Als ehemaliger Felsenbrüter findet die Dohle sowohl in großen Städten wie auch in kleineren Ortschaften ausreichend Nistmöglichkeiten in ehemaligen Schießscharten alter Schlösser und Burgen, in Mauerlöchern, in Schornsteinen, hinter Fenstersimsen, in den Glockenhallen oder auf Speichern.
Obwohl die äußerst geselligen Vögel manchmal in großen Kolonien von weit über 100 Paaren brüten, haben sie nicht nur eine teilweise komplizierte Rangordnung, sondern sie halten ihr ganzes Leben lang als Paar zusammen. Balzende Paare der Dohle zu beobachten, gehört zum Schönsten in unserer Vogelwelt. Dabei fliegen sie oft an Felsen oder Gebäuden entlang bis in teilweise atemberaubende Höhen, lassen sich wieder fallen, gleiten, drehen sich kurzzeitig auf den Rücken, landen auf Gemäuern oder verschwinden in alten Kirchen. Ruhend gehen sie oft sehr liebevoll miteinander um, indem sie ständig „schwätzen“ und sich akribisch im Nacken graulen.
Ihrer Intelligenz ist es zu verdanken, dass sie immer wieder in der Lage sind, sich neue Nahrungsgründe oder Schlafplätze zu erschließen. In meiner Heimatstadt Marburg an der Lahn in Mittelhessen, fallen sie oft schon am frühen Morgen in großen Schwärmen an der etwas außerhalb der Stadt befindlichen Kompostanlage ein, um zusammen mit den größeren Rabenkrähen nach Nahrung zu suchen. Auch an den verschiedenen Schlachthöfen oder im Bereich der Fastfood-Restaurants finden sie sich regelmäßig ein, weil es hier immer etwas Fressbares zu ergattern gibt. Ebenso findet man Dohlen regelmäßig an Futterstellen mit ausgelegten Fleischabfällen, Rinderphlomen und anderem Fettfutter.
Außerhalb der Brutzeit bilden sie große Schlafgemeinschaften. Bereits in der Dämmerung fallen sie in großen Schwärmen auf den Dächern von Gebäuden ein, um in großen lärmenden Wolken ihre endgültigen Schlafplätze, zumeist hohe, alte Bäume, aufzusuchen. In Marburg nächtigen im Winterhalbjahr etwa 2.000 Dohlen mit tausenden von Rabenkrähen inmitten des Stadtzentrums nahe dem Kino an der Lahn. Wenn sich dann der Abendhimmel regelrecht verdunkelt, schauen viele Menschen nach oben, teilweise verängstigt, weil sie an Alfred Hitchcocks „Vögel“ erinnert werden. So bleibt es nicht aus, dass ich als Vogelschutzbeauftragter der Stadt Marburg immer mal wieder nach der Gefährlichkeit der Rabenvögel für die Menschen gefragt werde. Glücklicherweise werden die Dohlen und andere Rabenvögel jedoch von vielen Menschen geliebt, weil die gelehrigen Vögel in Gefangenschaft sehr zahm werden und den Haltern große Freude bereiten können.
In manchen ausgedehnten Laub-Mischwäldern brüten Dohlen auch in alten Schwarzspechthöhlen. Diese Altholzbestände bedürfen deshalb des besonderen Schutzes, da hier neben den die Höhlen zimmernden Spechten auch Schellenten, Raufuß- und Sperlingskäuze sowie Hohltauben, Kleiber und Meisen brüten können. Oft sieht man Dohlen auch an den Küsten Mitteleuropas, wenn sie auf einigen Inseln in den Bauten von Kaninchen brüten. Dort müssen sie sich dann gegen Nistplatzkonkurrenten wie Brandgänse und Hohltauben durchsetzen. Die meisten Dohlen bleiben im Winter bei uns, doch ziehen vor allem osteuropäische Populationen in den Rheingraben oder gar bis in den Mittelmeerraum. Dabei fliegen sie ziemlich regelmäßig mit den etwas größeren Saatkrähen in gemischten Schwärmen, oft in sehr großer Höhe. Durch die kleinere Statur, den kürzeren Schnabel und den schnelleren – an Tauben erinnernden – Flügelschlag fallen die Dohlen in den großen Trupps der Saatkrähen immer auf. Bei Zugvogelerfassungen ist es immer ein Erlebnis, wenn diese gemischten Schwärme aus großer Höhe regelrecht vom Himmel fallen, um auf Wiesen und Äckern Nahrung zu suchen. Bei günstigen Windverhältnissen schrauben sie sich, stets rufend, wieder in große Höhen, um im Herbst nach SW, im Frühjahr nach NO oder O abzuziehen.
Die äußerst schlaue Dohle bietet also viele Facetten in ihrem Verhalten sowie in ihrer Biologie und Ökologie. Bei Restaurationen alter Gebäude, Schlösser, Burgen und Kirchen sollte immer darauf geachtet werden, dass die Fenster und Nischen nicht verschlossen werden, ebenso sollte man sich stets dafür einsetzen, dass alte Laubbäume in großen Beständen geschützt werden, damit dieser lebhafte Schlauberger uns auch weiterhin erfreut.
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