Vogel des Jahres – das Rotkehlchen

von Prof. Dr. Martin Kraft

MIO – Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie e.V.

Es hat lange gedauert, bis nach einer groß angelegten Volksabstimmung nun endlich der Vogel des Jahres 2021 gekürt wurde. Dass es das Rotkehlchen betreffen würde, hatte ich gar nicht auf dem Schirm, aber nun hat es diesen beliebten Allerweltsvogel betroffen. Ehrlich gesagt, ich hätte den Raubwürger oder den Kiebitz gewählt, denn beide Arten zeigen drastische Bestandsrückgänge. In Hessen ist der Raubwürger sogar einer der seltensten Vögel überhaupt. Nun, es tut nichts zur Sache, denn das Rotkehlchen wurde vom NABU gekürt. Es ist sogar der erste öffentlich gewählte Vogel des Jahres. Mit 59.267 Stimmen gewann das Rotkehlchen die Abstimmung vor der Rauchschwalbe und dem Kiebitz!
Über 455.000 Menschen waren an der Wahl beteiligt. Künftig will aber das Fachgremium des Naturschutzbundes jedes Jahr 5 Arten bestimmen, aus denen dann der Vogel des Jahres öffentlich gewählt wird. Die erste Wahl nach diesem neuen Modus soll bereits in diesem Jahr von Oktober bis Mitte November stattfinden. Das Rotkehlchen trägt den Titel „Vogel des Jahres“ schon zum zweiten Mal, denn 1992 wurde es erstmals gewählt. Es gehört wegen der orangeroten Brust, den großen dunklen Augen und der Vertrautheit mit Sicherheit zu den bekanntesten und beliebtesten Vögeln überhaupt. Rotkehlchen kommen überall vor, wo es Büsche und Bäume gibt, egal, ob man im Wald spazieren geht, einen schönen Auwald erkundet, die Ruhe auf einem Friedhof genießt oder sich im eigenen Garten entspannt, überall gibt es Rotkehlchen. Der recht lautstarke und wohlklingende Gesang wird von den Männchen nicht nur im Frühling und Sommer, sondern auch im Herbst und Winter vorgetragen. In beleuchteten Straßen in Städten auch mitten in der Nacht, was oft zu Meldungen von singenden Nachtigallen mitten im Winter führt. Die Weibchen können auch singen, aber leiser und nicht ganz so melodisch.
Irgendwie hat der Gesang etwas Liebliches an sich, was zu dem hübschen Vögelchen auch passt. Dass männliche Rotkehlchen aber sehr aggressiv und kämpferisch bei der Balz auftreten, ist zwar bekannt, wird aber wohl oft verdrängt. Das Rotkehlchen hat im Wahlkampf mit dem Slogan „Mehr Gartenvielfalt“ für sich und vogelfreundliche Gärten geworben, so der NABU. Wenn man bedenkt, dass bunte Blumenvielfalt und eine hohe Artendiversität derzeit in aller Munde ist, es aber trotzdem noch sehr viele naturunfreundliche Gärten mit ständig gemähten Einheitsrasen und standortfremden Gehölzen gibt, sollte das beliebte Rotkehlchen als Zeigerart für mehr Naturgärten in Dörfern und Städten dienen, denn die brauchen wir dringend, vor allem auch für unsere arg gebeutelte Insektenwelt. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich von seinem Ordnungswahn abzusagen, um sich einer neuen und biologisch vielfältigeren Gartengestaltung zuzuwenden! Es gibt ja genügend Beispiele für wilde Naturgärten, in denen es nur so von Insekten, Vögeln, anderen Tieren und Pflanzen wimmelt. Diese mögen zwar für das ordnungsliebende Auge unaufgeräumt wirken, aber die Natur hat eben ihre eigenen und sehr nachhaltigen Gesetze, die wir nicht negativ manipulieren dürfen.
Ich selbst mag Rotkehlchen sehr, gibt es doch an den Martinsweihern bei Niederwalgern in Mittelhessen einige, ganzjährig vorkommende und sehr zutrauliche Rotkehlchen, von denen wir auch ein paar beringten.
Wenn ich mein Futter ausstreue, ist eines besonders aufmerksam und beobachtet das Geschehen federgenau, ja manchmal landet es sogar auf meinem Kopf. Ob meine Haarpracht gar bald als Nest dienen wird? Könnte ja sein und wäre sicherlich einzigartig! Doch Spaß beiseite, ich genieße diese Vertrautheit meines Rotkehlchens, das ich „Ruby“ taufte.
Es gibt aber dort auf engem Raum mindestens 5 Rotkehlchenreviere, und alle laben sich an meinen ganzjährig bestehenden Futterstellen.

Letztlich ist es gut, dass das Rotkehlchen als allbekannter und beliebter Vogel zum Vogel des Jahres 2021 gewählt wurde, denn so kann man viele Menschen zu mehr Vielfalt im eigenen Garten und damit zu mehr Artenschutz bewegen!