Das Rotkehlchen – singt das ganze Jahr über!

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft, Marburg 

Das hübsche Rotkehlchen Erithacus rubecula  mit seiner orange gefärbten Brust und den großen, dunklen Augen kommt fast überall in menschlicher Nachbarschaft vor, aber es brütet auch in Hecken, Feldgehölzen und Wäldern. Durch ihre recht langen Beine und den oft etwas pummelig wirkenden Körper, den großen Kopf mit den schwarzbraunen Augen, geben sie für uns Menschen einen liebevollen Anblick ab. Vor allem männliche Rotkehlchen sind aber keine braven „Schäfchen“, sondern in der Brutzeit, aber auch im Winterhalbjahr, sehr streitbare Zeitgenossen. Die orange gefärbte Kehle hat bei der Balz eine wichtige Signalfunktion.

Besonders häufig finden wir Rotkehlchen auf Friedhöfen, in Gärten und Parkanlagen mit alten Bäumen. In manchen Auwäldern erreichen sie sogar Siedlungsdichten von bis zu 20 Paaren pro 10 ha. Neben dem Buchfinken gehören sie damit zu den häufigsten Vögeln unserer Wälder. Ihre Nahrung besteht aus Würmern, Schnecken, Spinnen, Insekten, deren Larven und Puppen sowie aus Beeren und Früchten. Egal, welche Arbeit man im Garten verrichtet, fast immer gesellen sich Rotkehlchen hinzu, um zeitweise sogar vor unseren Füßen Nahrung zu suchen. Ihr klirrender, trillernder und am Ende oft auf der Silbe „ing“ endender Gesang wird zumeist aus der Deckung in Büschen und Bäumen vorgetragen. In warmen Nächten singen Rotkehlchen oft auch unter Straßenlaternen und Hausbeleuchtung. Das führt dann bei einigen Menschen immer wieder zu Irritationen, weil sie meinen, eine Nachtigall sänge direkt in ihrem Garten. Da Rotkehlchen wie Zaunkönige und andere Arten im Winterhalbjahr vermehrt in Ortschaften einwandern und auch im Winter feste Territorien etablieren, kann man ihren Gesang das ganze Jahr über hören. Lediglich nach der Brutzeit im August/September hört man sie nur selten singen. Bei Rotkehlchen können auch die Weibchen singen, aber lange nicht so ausdauernd, kräftig und schön wie die Männchen.

Jetzt im Herbst kann man noch einzelne Rotkehlchen sehen, die von ihrem oliv-braunen, mit hellen Sprenkeln versehenen Jugendkleid ins erste Winterkleid mausern. Das geschieht innerhalb weniger Wochen, sodass es Phasen gibt, in denen junge Rotkehlchen recht scheckig aussehen, bis sich die komplett orange gefärbte Brust mit neuen Federn zeigt. Je strukturreicher unsere Gärten mit vielen Bäumen und Büschen ausgestattet sind, desto mehr Rotkehlchen finden sich ein. Ihre Nester stehen meist am Boden oder niedrig über dem Boden, finden sich aber auch in Mauerritzen, in Holzstapeln, Briefkästen, an Hauseingängen, in Rankenpflanzen, in Schuppen und Gartenhäuschen, ja selbst in Bücherregalen in unseren Wohnungen oder in Blumenkübeln auf Terrassen und Balkonen. Hängt man ihnen Halbhöhlen-Nistkästen auf, so werden auch diese oft bewohnt.

An Futterstellen nehmen sie gern Haferflocken und Fettfutter, wobei sie sich durch ihren hell schnickernden Ruf sowie die ständig knicksenden und zuckenden Bewegungen bemerkbar machen. Wasserschalen werden gerne zum Baden und Trinken aufgesucht und wenn die Sonne scheint, nehmen sie mit gesträubten Kopf-, Rücken- und Bürzelfedern sowie ausgebreiteten Flügeln und Schwanz oft ein ausgiebiges Sonnebad, um lästiges Ungeziefer loszuwerden! Auch in der Wissenschaft spielten und spielen Rotkehlchen eine maßgebliche Rolle in der Forschung zur Zugorientierung. Zumeist ziehen sie nachts einzeln oder in kleinen Gruppen, aber bei planmäßigen Zugvogelerfassungen kann man sie auch noch in den frühen Morgenstunden ziehen sehen, wobei ein hoher „zieh“-Ruf geäußert wird. Nach warmen und windstillen Nächten fallen sie in großer Zahl beispielsweise auf Helgoland und anderen Nord- und Ostseeinseln ein, aber auch im Binnenland sind sie sehr häufig zu sehen.

Das Jahr 2015 war offenbar ein sehr gutes Jahr für Rotkehlchen und andere Singvögel, denn überall findet man sie, oft in Gesellschaft mit Garten- und Hausrotschwänzen, Grau- und Trauerschnäppern, Dorn-, Klapper- und Mönchsgrasmücken. Je mehr Beerensträucher wir im eigenen Garten haben, umso häufiger können wir uns an all den Arten und den auch im Herbst und Winter hin und wieder singenden Rotkehlchen mit den großen, dunklen Augen erfreuen! 

(22.10.2015)

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