Vogel des Jahres 2016 – der Stieglitz

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft

 

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) haben den Stieglitz zum Vogel des Jahres 2016 gewählt. Der wegen seiner Vorliebe für Distelsamen auch Distelfink genannte Stieglitz (dieser Name leitet sich vom Kontaktruf „stiglitt“ ab) gehört zu den Vogelarten, mit denen ich groß geworden bin. Als diese Art bewusst in mein Leben trat, weil ein Paar sein kleines, rundes Nest in einem Kirschbaum direkt vor unserem Haus angelegt hatte, dachte ich zunächst an einen exotischen Vogel, denn der bunte Stieglitz gehört ohne Zweifel zu unseren buntesten Vertretern der Singvögel.

Männchen und Weibchen sehen nahezu gleich aus, aber wenn man sie aus der Nähe sieht, zeigen die Männchen eine etwas ausgedehnter rot gefärbte Gesichtsmaske und etwas breiter weiß gefärbte Schirmfederspitzen. Der neben der roten Maske schwarz-weiße Kopf, die gelbe und vor allem im Flug sehr auffällige Flügelbinde verleihen dem Stieglitz in Kombination mit den bräunlichen Brustflecken, dem braunen Rücken, dem weißen Bürzel und schwarzen Schwanz mit weißen Flecken ein recht exotisches Aussehen. Der namensgebende Kontaktruf „stiglitt“ wird auch in den Gesang eingeflochten, der hin und wieder auch vom Weibchen vorgetragen wird.

Der Stieglitz kommt in fast ganz Europa (außer Mittel- und Nordskandinavien), Nordafrika und Vorderasien bis weit nach Russland vor und bewohnt alle möglichen Lebensräume. Bei uns kommt er eher selten in lichten Wäldern oder an Waldrändern vor, häufig dagegen in urbanen Lebensräumen wie auf Friedhöfen, in Parkanlagen, auf Industriebrachen, in Steinbrüchen, Feldgehölzen, auf Streuobstwiesen, in Obstplantagen und Alleen sowie in reich strukturierten Gärten vor. Als eher die Wärme liebender Vogel fehlt er auch in sonnendurchfluteten Brachflächen und Weinbergen nicht. Leider hat der Stieglitz in vielen Kulturlandschaften Mitteleuropas im Bestand stark abgenommen, zeigt aber lokal auch merkliche Zunahmen. Die Abnahmen im offenen Kulturland haben vor allem mit der intensiven Landwirtschaft und dem damit einhergehenden Lebensraumverlust zu tun, denn weite Teile unserer mitteleuropäischen Kulturlandschaft zeigen ausgedehnte Mais-, Getreide- und Rapsmonokulturen, in denen bunte Wiesen und insektenreiche Brachflächen immer mehr zurückgedrängt werden. Derartige Veränderungen der Landschaft findet man zunehmend auch in einigen Mittelmeerländern.

Hinzu kommt die unsägliche Jagd, vor allem im Süden Europas, sowie illegaler Fang von Österreich über Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland bis nach Nordafrika. In unserem Nachbarland Frankreich, welches sich ob der harten politischen Strategien gegen alle das Land durch Terroranschläge bedrohenden Feinde wehrt, steht der Stieglitz nach wie vor auf der Speisekarte, selbst bei bekannten Politikern. Das ist nachgerade eine Farce und sollte noch mehr publiziert werden, damit der illegale Fang und der völlig überflüssige Verzehr kleiner Stieglitze und anderer Vögel endlich gestoppt werden. Die Bestrebungen der EU, das Naturschutzrecht zu reduzieren, zeigen in klarer Weise, welche Prioritäten europaweit gesetzt werden. Angesichts dieser bedrohlichen Tatsache, kann man nur hoffen, dass sich das Bewusstsein in den Köpfen der machthungrigen Politiker weg vom Wachstumswahn hin zu mehr Umweltbewusstsein und Naturschutz wenden möge. Um dieses aus unserer Sicht hochgesteckte Ziel zu erreichen, ist es zwar lobenswert, dass der Stieglitz zum Vogel des Jahres gekürt wird, doch müssen dem auch wirkliche Taten folgen, die letztlich ein Pestizid-, Jagd- und Fangverbot für Vögel in ganz Europa fordern. Ein Rückzieher auf alte – und damit längst überholte – Traditionen kann doch neben den Gourmetgaumen maßgeblicher Politiker kein Grund sein, dieses Ziel nicht massiv zu verfolgen. Die EU ist hier gefordert, wobei sie keine Rückschritte fordern, sondern nach vorne und vor allem in Richtung Naturschutz blicken sollte! 

Im Raum Marburg haben wir ein Projekt vor, welches die Biodiversität deutlich fördern soll, sodass wieder mehr Brachflächen mit bunter Blumenpracht und vielen Kleinlebewesen entstehen, in denen sich zunehmend Wachteln, Rebhühner, Feldlerchen, Neuntöter, Braun- und Schwarzkehlchen, Steinschmätzer, Stieglitze, Bluthänflinge, Grauammern und Ortolane ansiedeln, um nur einige Arten zu nennen! Glücklicherweise verfügen wir über ein paar EU-Vogelschutzgebiete, in denen die biologische Landwirtschaft deutlich zugenommen hat. Da finden sich blumenreiche Wiesen, Hanf-, Saubohnen- und Sonnenblumenfelder ebenso wie lückig bewachsene Brachflächen mit Disteln und Löwenzahn, die gerne von Stieglitzen und vielen anderen Vogelarten aufgesucht werden. Im Winter beobachtet man Stieglitze nicht selten mit Erlen- oder Birkenzeisigen zusammen, wenn sich teilweise große Trupps auf Schwarzerlen und Hängebirken versammeln. Die größten Schwärme von teilweise zehntausenden Stieglitzen konnten wir auf Sonnenblumen- und Hanffeldern beobachten. Im Zuge des Klimawandels gibt es bei uns zunehmend überwinternde Stieglitze, die auch im Winter 2015/16 in Trupps zwischen 30 und 150 Individuen umherstreifen. Durch die Zunahme der Bio-Landwirtschaft haben sich die Stieglitzbestände im Raum Marburg erholt und sind sogar in den letzten Jahren wieder merklich angestiegen. Der größte Teil unserer Stieglitze zieht jedoch von etwa Anfang September bis Mitte November in südwestliche Richtung ab. Stieglitze ziehen in dichten und „unordentlichen“ Trupps in teilweise rasanter Geschwindigkeit mit plaudernden Zugrufen durch. Ihr buntes Gefieder kommt dann vor allem bei Sonnenschein voll zur Geltung, aber im Winter bilden die bunten Stieglitze regelrechte Farbkleckse an Futterhäuschen, in Gärten und Parks. Je strukturreicher diese von uns gestaltet werden, umso mehr Vögel finden sich ein. Hoffen wir, dass der farbenprächtige Stieglitz auch eine bunte Zukunft hat!

Weitere Informationen zum Stieglitz und wie Sie diese hübsche Finkenart unterstützen können finden Sie hier

 

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