Welche Auswirkung hat ein trockener Sommer auf die Vogelwelt?

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft,

MIO - Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie e.V., Marburg 

Welche Auswirkung hat ein trockener Sommer auf die Vogelwelt?

Dies ist eine recht schwere Frage, aber aufgrund meiner jahrzehntelangen Erfahrung behaupte ich zunächst einmal ganz salopp: Ein trocken-warmer Sommer ist für unsere Vögel wesentlich besser als ein feucht-kühler! Dennoch gibt es viele Facetten, die einen trockenen Sommer ausmachen, denn es gibt viele Arten, die davon profitieren, andere aber können große Verluste erleiden. Diese Verluste sind aber aus meiner Erfahrung heraus wesentlich geringer als in nassen und kühlen Sommern!

Da ich neben meinem Beruf als Ornithologe ein schon seit meiner Kindheit begeisterter Hobby-Meteorologe bin, spielt die tägliche Aufzeichnung der Wetterdaten seit jeher bei allen meinen Beobachtungen und Kartierungen eine maßgebliche Rolle. Da ich das schon über viele Jahrzehnte hinweg praktiziere, kann ich auch den langfristigen Wettertrend und damit auch für den Raum Marburg einen merklichen Klimawandel diagnostizieren. Trocken-warme Sommer gab es schon immer und nicht selten gingen sie über eine lange Periode, zum Beispiel 1976!  Wichtig ist, dass ein sehr kalter Winter einem warmen Frühling und trocken-heißen Sommer vorausgeht, denn dann machen unzählige Insekten eine für sie günstige Diapause, um sich im Frühling nachgerade explosionsartig zu vermehren und im Laufe des Sommers mehrere Generationen zu bilden. Kommen dann noch Brachflächen, Extensivwiesen und – weiden, Bioäcker sowie Blühflächen hinzu, erreichen Insekten und andere Wirbellose eine sehr hohe Siedlungsdichte. Nicht selten ist es auch so, dass nach einem kalten Winter eine Hochwasserperiode kommt, so dass das Wasser oft noch bis in den Mai oder noch länger auf Wiesen, Weiden und Äckern stehen bleibt. Der warme Frühling und der heiße Sommer sorgen dann für einen stetigen Trockenfall, der Schlickflächen freilegt, auf denen Watvögel Nahrung suchen und in der Umgebung brüten können. Fällt der Wasserstand aber zu schnell, dann fallen auch einige Schwimmnester trocken, aber Haubentaucher und andere Taucher können nicht nur mehrfach hintereinander und sogar verschachtelt brüten, sondern sie sind auch in der Lage, mehrere Ersatzbruten zu tätigen.

Werden indes die Temperaturen extrem heiß, dann kann es zu lokalen Verlusten bei Höhlenbrütern, Schwalben und Mauerseglern kommen, aber nur dann, wenn deren Niststätten der prallen Sonneneinstrahlung direkt ausgesetzt sind. Heiße und damit in der Regel auch insektenreiche Sommer führen aber zumeist zu sehr guten Bruterfolgen bei Insektenfressern. Im sehr trocken-heißen Sommer 2003 registrierten wir erstmals auch bei einigen Mauerseglern erfolgreiche Zweitbruten. Rauch- und Mehlschwalben brüteten 2018 vielfach bis zu dreimal mit sehr guten Jungenzahlen. 2018 war auch ein sehr gutes Jahr für unsere Weißstörche, denn auch der Mai war überwiegend sonnig und warm, was immer gut für das Wachstum der Jungstörche ist. In diesem Jahr (2019) sah es im Mai ganz anders aus, denn es war kühl und oft nass, weshalb wir einige Verluste bei Weißstörchen, aber auch bei vielen Singvögeln registrierten. Insektenfressende Arten, wie der stetig im Bestand zunehmende Bienenfresser, können hohe Bruterfolge in heißen Sommern erreichen, was auf Bio-Äckern auch für Rebhuhn, Wachtel, Feldlerche und Schwarzkehlchen gilt. Nur auf großen und monotonen, also nahrungsarmen Flächen können in heißen Sommern Verluste vor allem bei Bodenbrütern auftreten. In der Summe kann ich für den Naturraum Marburger Lahntal postulieren, dass die heißen Sommer der letzten Jahre eine deutliche Zunahme bei Arten wie Wespenbussard, Wachtel, Mauersegler, Kuckuck, Steinkauz, Wendehals, Grünspecht, Pirol, Feldlerche, Rauch-, Mehl- und Uferschwalbe, Neuntöter, Nachtigall, Schwarzkehlchen, Sumpfrohrsänger, Dorngrasmücke, Feldsperling, Bluthänfling und Goldammer bedingten. Trotzdem gibt es auffällige Rückgänge beim Kiebitz, lokal auch beim Rebhuhn (aber nicht überall), bei Turtel- und Türkentaube, Raubwürger, Grauschnäpper. Birkenzeisig, Grau- und Rohrammer. 

Die ökologischen Wechselwirkungen sind aber sehr komplex und es gibt viele komplizierte Beziehungsgefüge, die so gar nicht in den Klimawandel mit zunehmend mediterranen Insekten und Vögeln hineinpassen, aber sie müssen beachtet werden. Wichtig ist, dass mehr Natur in die Privatgärten muss, dass Glyphosat generell verboten werden muss, und dass endlich der Wahn mit den riesigen Windrädern gestoppt wird, die energetisch sinnlos sind, aber große Mengen von Insekten, Fledermäusen und Vögeln eliminieren. Klimaschutz darf nicht über dem Artenschutz stehen, denn alle errechneten Zukunftsmodelle sind spekulativ, aber der Artenschwund ist ein real existierendes Faktum, welches wir unbedingt beachten und gemeinsam die richtigen Schritte dagegen unternehmen müssen!

Prof. Dr. Martin Kraft