Typische Sommervögel - ein Bericht von Prof. Dr.  Martin Kraft

Typische Sommervögel - ein Bericht von Prof. Dr.  Martin Kraft

MIO – Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie e.V.

Schaut man sich die gängigen Vogel-Bestimmungsbücher oder auch andere ornithologische Literatur an, dann sieht man häufig den Ausdruck „Sommervogel“. Damit sind Vögel gemeint, die nur im Sommerhalbjahr bei uns sind, also Vögel, die weite Strecken ziehen, um in ihre Brutgebiete zu gelangen. Diese Brutgebiete sind ihre Heimat, denn dort balzen sie, bauen Nester, brüten und ziehen ihre Jungen groß. Deshalb bezeichnet man den Heimzug auch als „Rückzug“, also von den Winterquartieren zurück zu den Brutgebieten. Die Winterquartiere der typischen Sommervögel erstrecken sich vom Mittelmeerraum bis nach Südafrika, aber es gibt auch Vögel, die bei uns in einigen Bereichen brüten, aber in Indien überwintern, z.B. einige Blaukehlchen, Grünlaubsänger, Zwergschnäpper, Karmingimpel, Kappenammer. Durch Besenderungen konnte man viele Erkenntnisse über den Verbleib unserer typischen Sommervögel während des Winterhalbjahres gewinnen. Wenn man sich zu dieser Zeit regelmäßig draußen aufhält, dann begegnen wir vielen unterschiedlichen Arten. 

Während die nordischen Sandregenpfeifer der Unterart „tundrae“ durchaus noch bis Ende Juni auf dem Heimzug in deren nordische Brutgebiete sind, tauchen die ersten wegziehenden Waldwasserläuferweibchen bereits gegen Ende Mai auf. Die weiblichen Waldwasserläufer sind es dann auch, die in der Regel den „ornithologischen Herbst“ bereits Ende Mai/Anfang Juni beginnen, zwei bis drei Wochen vor der Sommersonnenwende! Das liegt daran, dass die in Drosselnestern brütenden Jungvögel in dieser Zeit ihre Nester verlassen und bis zum Flüggewerden von den Männchen geführt werden. 

Gut vier Wochen nach dem Erscheinen der ersten Weibchen, tauchen dann die ersten adulten Männchen und noch später die diesjährigen Jungvögel auf. Bei unseren Kiebitzen findet oft schon ab Anfang/Mitte Juni der Zwischen- oder Mauserzug statt, sodass sich diese Vögel schon in Schwärmen zusammenschließen und allmählich gen SW wandern. Auch einige Gänse- und Entenarten tauchen zu dieser Jahreszeit an oft traditionellen Mauserplätzen auf und lassen sich dort gut beobachten. 

Typische Sommervögel sind aber auch beispielsweise Wachtel, Purpurreiher, Schwarzstorch, Fischadler, Wespenbussard, Schreiadler, Schwarzmilan, Baumfalke, Wachtelkönig, Tüpfelsumpfhuhn, Kleines und Zwergsumpfhuhn, viele Limikolen und Seeschwalben, Turteltube, Kuckuck, Ziegenmelker, Mauersegler, Bienenfresser, Wiedehopf, Wendehals, Pirol, Neuntöter, Schwalben, Laubsänger, Schwirle, Rohrsänger, Spötter, Grasmücken, Schnäpper, Braunkehlchen, Sprosser, Nachtigall, Blaukehlchen, Gartenrotschwanz, Steinschmätzer, Schafstelze, Karmingimpel und Ortolan.

Alle diese Vögel würden wir im Winter vergeblich suchen, aber es gibt auch Tendenzen der Überwinterung bei vorwiegend Kurzstreckenziehern, aber auch bei Langstreckenziehern wie dem Weißstorch. Im Zuge des Klimawandels wird es künftig deutliche Veränderungen auch bei den „Sommervögeln“ geben, denn unsere Vögel können relativ schnell auf Veränderungen reagieren. Ja, sie müssen sich anpassen, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Diese Veränderungen können wir nur dann registrieren, wenn wir ständig im Gelände sind, um Vögel zu beobachten, deren Phänologie, Verhalten und Brutbiologie zu studieren oder sie zu markieren, um noch mehr Aufschluss über Überlebensraten und Wanderungen zu bekommen. Dennoch scheinen sich manche Veränderungen unter vielen Ornithologen und Vogelschützern noch nicht herumgesprochen zu haben, denn immer noch ist in vielen Zeitschriften zu lesen, bei Interviews zu hören und in den sozialen Medien sowie im Fernsehen zu sehen, dass beispielsweise der allbekannte Kuckuck sich nicht an den Klimawandel angepasst habe, um seine Jungenaufzucht mit den Wirtsvögeln zu synchronisieren! Ferner wird behauptet, dass seine Bestände dramatisch rückläufig seien! Das ist aber alles ornithologischer Nonsens, denn nicht nur bei uns in Hessen, sondern auch andernorts kommen Kuckucke immer früher aus ihren afrikanischen Winterquartieren zurück und sie haben vielerorts in den letzten Jahren wieder deutlich zugenommen. Sogar das Zeitfenster dieser Brutschmarotzer hat sich deutlich vergrößert, sodass auch Ende Juni, manchmal sogar bis Mitte Juli noch singende Kuckucke gehört werden können.

Schauen wir also in die Luft und hören wir auf die Gesänge der Vögel. 

Wenn auch diese im Laufe des Sommers immer weniger werden, so weiß ich, dass es Sommer ist, wenn unsere jungen Weißstörche ausfliegen, sich die ersten jungen Nachtigallen aus dem Dickicht wagen und ich die schrillen Rufe der um die alten Marburger Häuser sausenden Mauersegler höre!