Verdauung – ist Fettfutter gefährlich für Jungvögel?

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft

Verdauung – ist Fettfutter gefährlich für Jungvögel?

Zur Beantwortung dieser Frage machen wir zunächst einen kleinen Exkurs in die Physiologie der Vögel: Es ist eine bekannte Tatsache, dass alljährlich, im Frühjahr und im Herbst, auf der ganzen Welt Milliarden Vögel von ihren Überwinterungs­gebieten in die Brutgebiete und umgegehrt fliegen müssen. Dabei können manche Arten wahre Meisterleistungen im Non-Stop-Flug vollbringen. Allen voran Pfuhlschnepfen und Küstenseeschwalben, aber auch Kleinvögel wie der Steinschmätzer. Dabei fliegen sie über Wälder, Felder, Berge, Meere und Ortschaften, um ihr oft mehrere tausend Kilometer weit entferntes Ziel zu erreichen. Zur Bewältigung dieser enormen Energieleistung brauchen sie ein gehöriges Maß an Treibstoff. Wir können dies mit einem Flugzeug vergleichen, das tonnenweise Kerosin braucht, um ans Ziel zu gelangen.

Während unsere Autos noch zum Großteil Benzin verbrennen müssen, um vorwärts zu kommen, und dabei schädliche Abgase entwickeln, schaffen es die Vögel, Fett zu verbrennen, aber ohne die Luft zu verpesten. Man kann demnach salopp sagen: “Je fetter der Vogel, desto weiter fliegt er!“ Allerdings sind viele junge Albatrosse, aber auch Mauersegler oft zu fett, um abheben zu können. Sie müssen dann erstmal abnehmen, um abheben zu können. Bei der Beringung von Vögeln werden gefangene Vögel auf ihre Fettreserven untersucht, was vor allem bei Singvögeln relativ rasch durch kurzes Beiseitepusten des Bauchgefieders geht. Wenn wir also Vögel im Winter oder auch ganzjährig füttern, spielt auch Fett als wichtiger Energielieferant eine bedeutende Rolle!

Jetzt in der Balz- und Brutzeit der Vögel kann man durchaus weiterhin auch Fett zufüttern, aber man sollte auch auf die Zugabe von Proteinen achten. Dazu eignen sich Energiekuchen aller Varianten mit getrockneten Insekten, die ich auch immer  verfüttere. Dieses Futter fressen im Frühjahr Amseln, Wacholder-, Sing- und Rotdrosseln, Hausrotschwänze, Rotkehlchen, Stare, alle Meisen, Schwanzmeisen, Garten- und Waldbaumläufer, Kleiber, Zaunkönige, Heckenbraunellen, aber auch Bunt-, Grau-, Klein- und Mittelspechte sowie Rabenkrähen, Dohlen, Feld- und Haussperlinge. Die auf den Boden gefallenen Reste dieses Fettfutters werden bei mir an den Martinsweihern bei Niederwalgern in Mittelhessen von Nilgänsen, Stockenten, Fasanen, Rebhühnern, Blässhühnern, Ringel-, Hohl- und Türkentauben sowie Gold- und Rohrammern genutzt. Tauchen die ersten Jungvögel auf, so werden diese direkt an die Futterstellen herangeführt und dort mit dem energiereichen Fettfutter gefüttert. Ich achte dann stets darauf, dass ich die Energiekuchen von VIVARA mit den eingelagerten Insekten anbiete. Diese halten oft nur einen Tag, weil ganze Schwärme von Vögeln und im Laufe eines Tages auch mehrere Vogelfamilien daran fressen. Dabei hat man Gelegenheit, die Bettelrufe und das Verhalten der Jungvögel genau zu studieren. Sie äußern bestimmte Rufe und viele zittern mit den Flügeln.

Bei meinen gesamten Forschungen über die Auswirkung ganzjährig verabreichten Futters konnte ich keinen negativen Einfluss oder gar Verdauungsprobleme bei den Jungvögeln feststellen. Da diese stets auch mit Farbringen markiert wurden, erzielten wir wichtige Erkenntnisse über den Verbleib der Jungvögel. Selbstverständlich kommen auch natürlicherweise Verluste bei Vogeljungen vor, woran oft Beutegreifer beteiligt sind. Manche Jungvögel überstehen nicht einmal das erste Lebensjahr. In Zeiten monotoner und insektenarmer Gärten oder des übermäßigen Glyphosat-Einsatzes in der Landwirtschaft, der leider immer noch nicht gestoppt wurde, finden viele Vogelarten aber keine Nahrung mehr, woran einzig und allein der Mensch mit seiner Geldgier schuld ist. Deshalb setze ich mich überall dafür ein, dass Vögel in unseren ausgeräumten Landschaften, aber auch im eigenen Garten ganzjährig mit gesundem Futter versorgt werden. Lassen Sie sich also nicht von den stereotypen Behauptungen mancher „Ornithologen“ in den Medien, dass Zusatzfutter von Jungvögeln nicht verdaut würde, abhalten, weiterhin Vögel zu füttern. Sie werden sehen, dass alles in Ordnung ist, wenn sie das richtige Futter verabreichen und für Sauberkeit an den Futterstellen sorgen, aber lassen Sie auch mal Wildwuchs in ihrem Garten zu! 

Prof. Dr. Martin Kraft 


 

Informationen zur Ganzjahresfütterung