Typische Wintervögel - Stieglitz und Erlenzeisig

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft

Typische Wintervögel - Stieglitz und Erlenzeisig

Einer unserer schönsten Singvögel ist der bunte Stieglitz Carduelis carduelis, der in den letzten Jahren dramatische Bestandsrückgänge zeigte, neuerdings aber Gottseidank wieder häufiger anzutreffen ist. Sein zweiter Name „Distelfink“ deutet auf seine Vorliebe für Distelsamen hin. Diese nutzt er auch im Spätherbst und Winter, aber man kann ihn auch auf Sonnenblumenfeldern oder an Erlen sehen. Dabei kann er durchaus sehr große Trupps von mehreren tausend Vögeln bilden. Viele nordische, aber auch mitteleuropäische Vögel ziehen im September/Oktober nach SW bis in den Mittelmeerraum. Sein bevorzugter Lebensraum sind Ortschaften mit warmen Brachflächen und alten Bäumen. Oft brütet er in Obstbäumen, vor allem in Kirschen. Der Name Stieglitz leitet sich von seinem ähnlich klingenden Ruf ab, den er auch in seinen abwechslungsreichen Gesang einbaut.

Jetzt im Winter findet man Stieglitze oft in Gesellschaft des noch etwas kleineren Erlenzeisigs Carduelis spinus in gemischten Schwärmen an Erlensamen. Im Gegensatz zum Stieglitz brütet der Erlenzeisig bei uns vorwiegend in den Mittelgebirgen und in anderen Bergregionen mit viel Nadelholz sowie in Nord- und Osteuropa. Als Brutvogel ist er in Mitteleuropa aber deutlich seltener als der Stieglitz. Manchmal ziehen Erlenzeisige schon ab etwa Mitte September in großen Schwärmen Richtung SW, aber in diesem Jahr waren es nur wenige, die aktiv durchgezogen sind. Bei der Auswertung meiner langjährigen Zugvogelerfassungen stellte sich heraus, dass zu etwa 80% strenge Winter folgten, wenn ein starker Durchzug der Erlenzeisige stattfand. Dies würde bedeuten, dass uns ein eher milder Winter erwartet. Dieser aktive Durchzug darf nicht mit invasionsartigen Einflügen im Winter verwechselt werden, denn diese vollziehen sich fast in jedem Jahr.

Wie der Stieglitz kann auch der Erlenzeisig im Winter eine Art „Massengesang“ äußern. Geschickt hängen diese kleinen Vögelchen an Erlensamen, aber beide Arten sind auch regelmäßige Gäste an Futterhäuschen, wobei sie sowohl Körnerfutter als auch Fettfutter vertilgen. Futterspender, Meisenknödel und Energiekuchen sind dabei besonders beliebt. Übrigens wurden früher beide Arten sehr oft als Käfigvögel gehalten, was glücklicherweise nicht mehr ganz so beliebt zu sein scheint. Allerdings muss man dazu sagen, dass sie sich sehr leicht in Voliéren halten und züchten lassen. Da spreche ich aus jahrelanger Erfahrung, denn ich hatte früher viele Erlenzeisige und Stieglitze in meinen großen Voliéren.

Neben dem Stieglitz und dem Erlenzeisig gibt es aber noch eine weitere Art, die in manchen Wintern in großen Scharen auftaucht, nämlich den Birkenzeisig Carduelis flammea. Dabei unterscheidet man die etwas kleinere und bräunlichere Unterart C. f. cabaret (“Alpenbirkenzeisig“), die auch bei uns in Europa brütet sowie die hellere und etwas größere Nominatform C.f. flammea (“Taigabirkenzeisig“). Diese “Taigabirkenzeisige“ fliegen in manchen Wintern in großer Zahl aus dem hohen Norden bei uns ein. Manche Männchen haben eine ausgedehnt rote Brust und alle haben eine rote Stirn, ein schwarzes Kinn und einen kleinen, gelblichen, kegelförmigen Schnabel. Im vergangenen Winter 2017/18 fand ein großer Einflug statt, der aber womöglich in diesem Winter sogar noch übertroffen wird?! Mit sehr großem Glück kann man unter den vielen Taigabirkenzeisigen auch den noch helleren Polarbirkenzeisig Carduelis hornemanni entdecken. Diese Art brütet in den Tundren Skandinaviens und Russlands und ist bei uns nur eine Ausnahmeerscheinung. Er ist wesentlich heller, hat einen ungestrichelt weißen Bürzel und hat nur selten eine auffällige Flankenstreifung (nur bei einigen Jungvögeln im 1. Winter) und einen noch kleineren, gelblichen Schnabel. Adulte Männchen sind hellrosa auf der Brust. Auch Birkenzeisige besuchen regelmäßig Futterhäuschen und sind oft mit Stieglitzen und Erlenzeisigen vergesellschaftet. Sie bevorzugen Birkensamen, sind aber im Winter regelmäßig auch an Erlen anzutreffen.

Es lohnt sich immer, an Futterplätzen einfallende Finken genauer anzuschauen, denn dort herrscht ein buntes Treiben der unterschiedlichen Arten. Auch Buch-, Berg- und Grünfinken, Kernbeißer, Gimpel und Bluthänflinge finden sich dort ein. Streuen Sie immer auch Futter auf den Boden und verteilen sie viele Futterautomaten, um viele Arten anzulocken!

Prof. Dr. Martin Kraft