Zugvögel im Spätherbst - Wintervögel treffen ein

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft

Beerentragende Sträucher – Futter und Nistgehölz für Vögel

Seit vielen Jahrzehnten zählen wir im Raum Marburg Zugvögel während des sichtbaren Tageszuges im Herbst und im Frühjahr. Dazu muss man immer an einer hohen Stelle stehen, die einen guten Rundumblick gewährt, um all die vielen ziehenden Vögel erfassen zu können. Dabei kann man nicht nur sehr viele verschiedene Arten, sondern auch eine große Zahl Individuen sehen, die teilweise in großen und dichten Schwärmen (z.B. Ringeltauben, Stare, Drosseln, manche Finken), in langen und dichten Bändern (z.B. Kiebitze, Feldlerchen, Bergfinken), in lockeren Verbänden, aber oft auch in kilometerlangen Trupps (z.B. Störche, Greife) oder in Formation (z.B. Gänse, Enten, Kraniche, Kormorane, Reiher) fliegen. Ziehen Vögel einzeln oder in kleinen Trupps, fällt das Zählen noch leicht, aber wenn an Massenzugtagen der ganze Himmel voll ist, kann man nur noch grob schätzen.

Um den Vogelzug genauer verstehen zu können, muss ich an dieser Stelle etwas zu dessen Phänologie erläutern: In milden Wintern kann der Heimzug bereits Mitte/Ende Januar mit den ersten Kranichen und Rotmilanen einsetzen. Schon im Februar treten die ersten Kiebitze auf, die zumeist zwei Gipfel gegen Ende Februar und Mitte März zeigen. Auch Goldregenpfeifer treten in den letzten Jahren bereits im Februar auf. Mitte/Ende Februar erreichen Rotmilane, Kraniche, Kiebitze und Feldlerchen oft schon ihren Höhepunkt des Heimzuges. Der März ist neben dem schon erwähnten zweiten Zuggipfel der Kiebitze ein wichtiger Zugmonat für die aus Südspanien kommenden Kraniche, aber auch für Weiß- und Schwarzstörche, Schwarzmilane, Limikolen, Ringel- und Hohltauben, Saatkrähen, Dohlen, Heidelerchen, die ersten Schwalben, Hausrotschwänze, Bachstelzen sowie für Drosseln und Finken. Ende März/Anfang April kommen auch schon die ersten Fischadler, Rohrweihen, Wendehälse, Mönchsgrasmücken, Fitisse, Steinschmätzer und Schafstelzen, während der April typisch für viele nachts ziehende Langstreckenzieher ist. In den letzten Jahren kommen Kuckucke und Nachtigallen schon in der ersten Aprildekade, die Mauersegler bereits Mitte April. Gegen Ende April sind schon viele Arten zurück. Zu den nach wie vor ziemlich spät, oft erst Anfang Mai heimkehrenden Zugvögeln zählen beispielsweise Wachtelkönig, Gelbspötter und Sumpfrohrsänger.

Die Wegzugsaison beginnt bereits Ende Mai/Anfang Juni mit den weiblichen Waldwasserläufern, die nicht selten längere Zeit in Feuchtgebieten verweilen. Wenig später setzt dann auch der Zwischenzug der Kiebitze und Stare ein. Der Juli ist der Hauptzugmonat für die Erstbrut der Rauchschwalben, die dann in großer Zahl durchziehen. Zudem nimmt die Zahl ziehender und rastender Watvögel immer mehr zu. Mauersegler erreichen oft schon gegen Ende Juli ihren Zughöhepunkt. Der August ist ein wichtiger Zugmonat für Graureiher, Weiß- und Schwarzstörche, Fischadler, Wespenbussarde, Rohr- und Wiesenweihen, Rotmilane (vorwiegend Jungvögel), Hohltauben, Baum- und Brachpieper, Schafstelzen und Ortolane. Anfang September kulminieren vor allem die Schwalben und danach wird der Singvogelzug immer stärker. Gegen Ende September setzt der Zug adulter Rotmilane ein und es ziehen viele Feldlerchen und Buchfinken. Der stärkste Zugmonat überhaupt ist der Oktober, wenn nicht nur Großvögel wie Gänse, Kormorane, Kraniche und Greife, sondern auch endlose Zahlen von Ringeltauben, Drosseln, Staren und vielen anderen Kleinvögeln ziehen. Bei Gänsen, Rotmilanen, Kranichen und Kiebitzen kann sich der Zug bis weit in den November hineinziehen. In Invasionsjahren können Bergfinken im November und Dezember in millionenfacher Stärke ziehen, bis sie sich an bestimmten Schlafplätzen sammeln, um in deren Umfeld zu überwintern (z.B. in Bucheckern-Mastjahren wie zuletzt 2014/2015). Setzen Frost und Schnee spät ein, so kann man auch im Dezember und Januar noch große Zahlen von Zugvögeln sehen, die dem nahenden Winter ausweichen. Davon sind vor allem Gänse, Enten, Kraniche, aber auch einige Rotmilane, Kiebitze, Ringeltauben und Singvögel betroffen.

Auch an unseren Futterhäusern kann man beobachten, wie sich die Artenzusammensetzung im Laufe des Spätherbstes und Winters verändert. Neben den nicht ziehenden Türkentauben, Grünspechten und Rabenkrähen, findet man an Gewässern viele Gänse und Enten, die sich teilweise auch füttern lassen. Rotkehlchen, einige Amseln, Wacholderdrosseln und Zaunkönige wandern von Wäldern und höher gelegenen Bereichen in tiefere Lagen und hin zu Gewässern. Dabei erscheinen sie regelmäßig auch an unseren Futterplätzen. Mit großem Glück lassen sich auch Seidenschwänze und in Invasionsjahren Bergfinken regelmäßig an Futterplätzen blicken. Typisch sind jedoch alle Meisenarten, aber auch Kleiber, Schwanzmeisen, Garten- und Waldbaumläufer, Buchfinken, Gimpel, Erlen- und Birkenzeisige, Kernbeißer und Goldammern. Bei den wunderschönen Gimpel-männchen mit ihrer roten Brust sollte man immer auch auf größere und noch leuchtender rot gefärbte Individuen achten, denn das sind dann skandinavische und russische Vögel, die auch als „Tröter“ oder „Trompetergimpel“ bezeichnet werden. An den Küsten lohnt es sich, nach Sing- und Zwergschwänen, Saat-, Bläss-, Weißwangen- und Ringelgänsen sowie nach Raufußbussarden, Sumpfohreulen, Ohrenlerchen, Berghänflingen, Schnee- und Spornammern Ausschau zu halten. Am heimischen Futterplatz kann man aber durchaus auch mal Rebhühner, Grau-, Bunt-, Mittel- und Kleinspechte sowie nordische Schwanzmeisen mit ihren weißen Köpfen beobachten.

Es lohnt sich also immer, Futterhäuschen rechtzeitig oder auch ganzjährig mit dem richtigen Futter zu bestücken! Das emsige Treiben der Vögel birgt so manche Überraschung!

Prof. Dr. Martin Kraft


 

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