Die Farbwahrnehmung von Vögeln

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft

Die Farbwahrnehmung von Vögeln

Schon früh begann ich, mich für Vögel zu interessieren, weil sie flogen, wunderschön sangen und viele von ihnen sehr bunt waren. Deshalb bekam ich schon vor der Schulzeit „Deutsche Federfüße“, eine recht bunte Zwerghuhnrasse, von einem Nachbarn geschenkt, ein Ereignis, welches ich als Grundstein für meine spätere Laufbahn als Vogelkundler ansehe. Außerdem fiel mir auf, dass manche Vogelarten schillernde Farben zeigten, die je nach Sonneneinstrahlung, bläulich, violett, rötlich oder grün leuchteten. Das muss doch einen Grund haben, dachte ich mir!

Dass es oft Männchen waren, die so schön bunte Federn zeigten, ließ mich näher auf das Verhalten der männlichen Vögel schauen, wobei ich schon als kleiner Junge eine unglaubliche Geduld und Beobachtungsgabe hatte. Wenn dann auch noch im Fernsehen Vogelfilme von Bernhard Grzimek oder Heinz Sielmann liefen, die bunte Vögel bei der Balz zeigten, wusste ich, dass nicht nur die prächtigen Farben bestimmter Gefiederpartien der Vogelmännchen eine Rolle spielten, sondern auch deren Form und Aussehen. Da wurden Oberschwanzdecken, Flügel und Schwänze gedreht, nach vorne geklappt oder gefächert und dazu noch gesungen, gehüpft, kurios geflogen, und es wurde sogar um die Gunst der Weibchen auf Arenen gekämpft. Dabei beeindruckten mich die Auer- und Birkhähne in Wäldern Skandinaviens ebenso wie die hübschen Kampfläufer in Feuchtgebieten Polens und der Niederlande oder faszinierend schön gefärbte Paradiesvögel in Papua Neuguinea.

Vögel sind Augentiere wie wir selbst, aber manche Arten können um ein Vielfaches schärfer sehen als Menschen. Und was ist mit der Farbwahrnehmung? Die musste es geben, dachte ich mir, aber wie funktioniert diese? Inzwischen haben Forscher entdeckt, dass Vögel besser Farben sehen können als wir Menschen! Grund dafür sind ihre fünf Rezeptortypen zur Wahrnehmung verschiedener Farbtöne, die in einem Mosaikmuster angeordnet sind, das ihren optimalen Einsatz ermöglicht. Wir Menschen müssen uns hingegen mit nur drei verschiedenen Rezeptoren, den „Zapfen“, begnügen. Diese sind bei uns unregelmäßig auf der Netzhaut verteilt. Bei Vögeln hingegen ermöglicht das Mosaik aus fünf Rezeptortypen (Zapfen) das Erkennen von Farben in einer Qualität, die bei Säugetieren längst nicht erreicht wird, fanden US-Wissenschaftler und Joseph Corbo von der Washington University in St. Louis bei einer Studie an Hühnern heraus. All dies ist im Fachmagazin „PLoS one“ nachzulesen.

Neben den auch beim Menschen vorhandenen Rezeptoren zur Wahrnehmung von Rot, Grün und Blau kommt bei Vögeln noch ein Rezeptor für Violett hinzu, dessen Empfindlichkeit bis in den ultravioletten Bereich hineinreicht. Als fünften Rezeptor verfügen Vögel zudem noch über einen Doppelrezeptor, der ihnen bei der Wahrnehmung von Bewegungen hilft. Dabei ist jeder einzelne Rezeptor mit einem Öltröpfchen ausgestattet, das als Farbfilter dient und bestimmte Wellenlängenbereiche des Lichts herausfiltert. Das gibt es bei Säugetieren nicht! Als Studienobjekte dienten Hühner, wobei die Netzhaut mit den an den verschiedenen Rezeptoren haftenden Öltröpfchen genauer untersucht wurde. Daraus zogen sie Schlüsse zur genauen Verteilung der einzelnen Sinneszellen. Die fünf Rezeptortypen sind so in einem Mosaik angeordnet, dass niemals zwei Rezeptoren gleichen Typs nebeneinander liegen. Dabei ist der Abstand der Rezeptoren jeweils konstant. Der Studienleiter Joseph Corbo wies darauf hin, dass dies die ideale Art und Weise sei, die Sensoren für das Farbensehen im Gesichtsfeld zu verteilen. Dadurch wird die Farbwahrnehmung der Vögel optimiert!  Neben den Hühnern konnten die Forscher die mosaikartige Anordnung der Rezeptoren auch bei drei weiteren Vogelarten nachweisen. Für sie ist es ein Beweis dafür, wie der evolutionäre Druck zu immer weiteren Verbesserungen der Sehfähigkeit geführt hat. Weiterhin betonen die Wissenschaftler, dass die bessere Farbwahrnehmung den Vögeln bei der Suche nach einem Paarungspartner hilfreich sei, da sie die Unterscheidung feinster Farbnuancen im Gefieder ermögliche. Zudem würde auch  die Suche nach Nahrung erleichtert, was vor allem im Herbst von Bedeutung wäre, wenn es um die Unterscheidung farbiger Früchte und Beeren ginge. 

Vögel sind zwar wie wir Menschen Augentiere, aber sie verfügen über weitaus größere Fähigkeiten, ihre Umwelt scharf und farbig wahrzunehmen. Buntes Gefieder macht also durchaus Sinn und führt letztlich zum gewünschten Erfolg!

Prof. Dr. Martin Kraft